Als ich vorhin nach dem Zahnarzttermin noch in die Stadtbücherei ging und ein bisschen stöberte, fiel mir ganz urplötzlich wieder die Wendepunkttrilogie von
Klaus Kordon ein.
Es war damals wieder mal so ein Tag, an dem ich in der Bücherei herum streunte. Eine Leseratte war ich irgendwie schon immer, und als ich alt genug war und alleine in die Stadt gehen durfte, war die Bücherei mein zweites Zuhause. Durch so manches Bücherregal der Kinder-und Jugendabteilung habe ich mich quasi komplett durch gelesen. Irgendwann fiel mir dann die historische Abteilung ins Auge - und mit ihr historische Romane für Kinder. Das war wohl der Anfang meiner Passion für historische Romane.
Und eben ein Buch tat es mir damals besonders an: "Mit dem Rücken zur Wand" von Klaus Kordon. Ich habe es quasi verschlungen. Irgendwann fiel mir auf, dass es davon auch noch zwei andere Teile gab - ich las danach den dritten Teil und erst danach den ersten, weil die Teile damals ausgeliehen waren.
Bis heute liebe ich diese Bücher.
Es ist lange her, dass ich sie gelesen habe, aber noch heute erinnere ich mich an so manche Szene, als hätte ich sie erst eben gerade gelesen. Diese Bücher las ich mehrmals, immer und immer wieder lieh ich sie mir aus. Ich war schon fast zu einer Bewohnerin der Ackerstraße im Berliner Wedding geworden, ich konnte mich so verdammt gut mit allem identifizieren, als hätte ich selbst dort zu dieser Zeit gelebt.
Diese drei Bücher gingen mir so nahe damals - es war wie ein Rausch.
Wenn ich sie lese, ist es wie ein Stück Zuhause.
Das klingt komisch, aber ich kann es auch nicht wirklich erklären. Sie sind ein Teil von meiner Kindheit und sie haben mich schon damals entscheidend geprägt - seit dem Moment brannte ich quasi für den Teil deutscher Geschichte, den meine Großeltern noch erlebt hatten. Ich verschlang alles, was mit Berlin zu tun hatte, in meinen Träumen lief ich mit den Jungs aus der Ackerstraße durch Berlin und sammelte Feuerholz, als es im Winter so kalt war und es nichts zu essen gab. Ich wurde Expertin über die NS-Zeit - weil mich das Schicksal der ganz normalen Arbeiterfamilie im Berliner Wedding, in der Ackerstraße, so fasziniert hatte.
Mit Helle Gebhardt bin ich gewachsen.
Klaus Kordon hat mit dieser Reihe meines Erachtens einen Meilenstein deutscher Kinder-und Jugendliteratur geschaffen, weil er die Ereignisse einfach so lebendig in die Geschichte der Gebhardts verpackt, dass man völlig in die Welt eintaucht und plötzlich sogar
versteht.
Mit ihm fing mein Interesse für Geschichte erst richtig an.
Ohne diese Bücher hätte ich vielleicht komplett andere Themen gelesen, aber er veränderte alles.
Heute stand ich in der Bücherei und suchte genau dieses Buch, den ersten Teil "Die roten Matrosen" heraus. Ich wollte es ausleihen, aber meine Karte war gesperrt - und die Frau hinter der Theke war sowas von unfreundlich, dass ich in dem Moment so wütend wurde und die Verlängerungsgebühr nicht bezahlen wollte, so dass ich die Bücher wieder zurück stellte.
Draussen bog ich ohne Umschweife in den nächsten Bücherladen ab, fragte die Verkäuferin sofort nach "Klaus Kordon´s Die roten Matrosen", nahm es und kaufte es vom Fleck weg.
Jetzt gehört der erste Teil mir. Nach all den Jahren.
Die nächsten beiden Bände werden folgen. Es war eh schon lange fällig.
Und morgen, wenn ich bei meinem Schatz in der Wohnung auf die Handwerker warten muss, werde ich wieder mit Helle im 4. Hinterhof der Ackerstraße 37 im Berliner Wedding stehen und die Umbruchsstimmung spühren.
Sehnsucht.